Kulturzeitschrift "Sudetenland" feierte 50-jähriges Bestehen

Im Haus der Heimat in Wiesbaden fand ein Festakt zum 50-jährigen Bestehen der Kulturzeitschrift "Sudetenland" statt. Für die Einstimmung sorgte Dr. Thomas Lippert, der am Klavier Lieder von Wenzel J.Tomaschek vortrug. Tomaschek hatte Goethes Gedichte vertont.

Der Bundeskulturreferent der Sudetendeutschen Landsmannschaft, Reinfried Vogler, würdigte die Zeitschrift als einen "Leuchtturm" in der sudetendeutschen Kulturlandschaft. Er erinnerte an den Gründer und "guten Geist" der Zeitschrift, Dr. Viktor Aschenbrenner.

Den Festvortrag hielt der Träger des Sudetendeutschen Kulturpreises für Wissenschaft 2007, Dr. Diether Krywalski, zum Thema: "Die Kunst des Lesens".

Er verwies auf berühmte Autoren der Zeitschrift wie Dr. Richard von Weizäcker, Vaclav Havel und Otfried Preußler.

Der Referent stellte weiter fest, eine große Anzahl von Menschen hätte heute das Lesen verlernt. In Deutschland gebe es vier Millionen Analphabeten. Lesefähigkeit werde im Alltag und im Berufsleben nicht gefordert. 69 Prozent der Bevölkerung würden jährlich ein Buch lesen. Manager ließen lesen. Sie erführen in Schnellkursen, was sie wissen müssen. Lesen benötige Zeit und Zeit sei Mangelware. Der Computer ersetze das Buch nicht. So scheine sogar der Computer mit seinen Vor- und Nachteilen nach neuesten Forschungen den Analphabetismus zur fördern. Im Deutschunterricht würden zwar Rudimente und Lesetechnik vermittelt. Doch gerieten Lesefähigkeit und die Freude zum Lesen zunehmend aus dem Blick. Auch die Schulbücher trügen zur Verminderung der Lesefähigkeit bei. Dr. Krywalsky nannte hier ein Beispiel. So hätte ein Schulbuchverlag die Auffassung vertreten, Texte, die mehr als eineinhalb Seiten umfassten, seien nicht zu vermitteln.

Das Lesen anspruchsvoller Texte würde vielen oft Mühe bereiten. Man übersehe, dass diese Tätigkeit das methodische und analytische Denken schule. Es komme darauf an, die Wirklichkeit aus unterschiedlichen Perspektiven zu erfassen. Das Lesen bestimme das Weltbild des Einzelnen.

Der Vorsitzende der Gesellschaft zur Förderung Ostmitteleuropäischen Schrifttums, Franz Peter Künzel, führte aus, die Zeitschrift sei 1998 von Wiesbaden nach München verlegt worden. "Wir haben Wiesbaden nicht nur als Geburtsort, sondern auch als Heimatort der Zeitschrift empfunden", hob er hervor. Er lobte Alfred Herold, der in schwierigen Zeiten Vorsitzender der Gesellschaft war. "Sudetenland" gewähre einen Blick in die Heimat. Die Zeitschrift sei ein Spiegelbild des sudetendeutschen Geisteslebens, fuhr er fort.

An der Veranstaltung nahmen auch Heinz und Klaus Aschenbrenner, die Söhne des Gründers teil. Auch die Sekretärin von Dr. Viktor Aschenbrenner, Ruth Kupke, war gekommen.

Der Landesbeauftragte der Hessischen Landesregierung für Heimatvertriebene und Spätaussiedler, Rudolf Friedrich, sagte in einem Grußwort, jedes Heft rufe den Namen des großen Kulturpolitikers Dr. Viktor Aschenbrenner in Erinnerung. Die Vierteljahreszeitschrift "Sudetenland" habe sich zu einer Zielgruppenzeitschrift und zu einem Forum für anspruchsvolle Beiträge wissenschaftlichen, literarischen, publizistischen und bildnerischen Charakters entwickelt. Sie werde fortan als "Visitenkarte der Volksgruppe" verstanden, und zwar im Sinne einer erhöhten Hinwendung zu Analyse und Akribie, zu inhaltlicher Ausweitung und formaler Ambition.

Rudolf Friedrich versicherte, dass die Hessische Landesregierung den gesetzlichen Auftrag des 96 des Bundesvertriebenengesetzes auch als Erbe von Dr. Viktor Aschenbrenner weiter ernst nehmen wird.

Das Schlusswort sprach der Landesobmann der Landesgruppe Hessen der Sudetendeutschen Landsmannschaft, Alfred Herold. "Wenn eine Kulturzeitschrift in ununterbrochener Folge von 50 Jahre zu uns kommt, so kann man das fast als ein kleines Wunder bezeichnen. Wie viel Mühen, Sorgen, Arbeit und Herzblut investiert wurde, um die "Visitenkarte" sudetendeutschen Kulturschaffens am Leben zu erhalten, dies kann nur der erfassen, der - wenn auch nur fast ein Jahrzehnt- in diesen Pflichtenkreis eingebunden war", erklärte Herold.

Frau Ruth Kupke, die frühere Sekretärin des verstorbenen Dr. Viktor Aschenbrenner,plauderte aus dem Nähkästchen. Ein- bis zweimal in der Woche sei sie von 18.00 bis 20.00 Uhr in der Privatwohnung von Dr. Aschenbrenner in Wiesbaden in der Rückertstraße gewesen. Zu Hause habe sie dann die vielen Briefe, Berichte und Buchbesprechungen auf einer alten Reiseschreibmaschine getippt.

Frau Kupke beschrieb das Arbeitszimmer und die Arbeitsweise von Dr. Aschenbrenner wie folgt: "In dem kleinen Arbeitszimmer von Dr. Aschenbrenner stand ein Schreibtisch, der einem Schlachtfeld glich. Dort häuften sich Bücher, Zeitschriften, Aktenordner und Briefe in rauhen Mengen. Seine Frau durfte nie Staub wischen. Das Erstaunliche war nämlich, dass er jeden Vorgang, den er suchte, aus dem Chaos sofort herausfand. Auch Dr. Aschenbrenner besaß eine kleine Reiseschreibmaschine, die dann benutzt wurde, wenn es um eilige Briefe ging. Für diese Tätigkeit erhielt ich einen Stundenlohn von 5,-- DM".

Adolf Wolf
Novmeber 2008